Einsatzmöglichkeiten von Phantasiereisen

 

Worum geht es in dieser Lektion?

 

Da Phantasiereisen sehr unterschiedlich gestaltet werden können, lassen sie sich an einer Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten anpassen, um ganz unterschiedliche Ziele zu erreichen. In dieser Lektion geht es darum, in welchen Bereichen Phantasiereisen eingesetzt werden können, um unterschiedliche Aufgabenstellungen umzusetzen.

 
 

Phantasiereisen in der Praxis – ein Überblick

 

Phantasiereisen können je nach deinem individuellen Erfahrungshintergrund, dem Setting oder situativen Kontext, in dem du arbeitest, und deiner Zielgruppe sehr unterschiedlich gestaltet werden. Hinzu kommt, dass du sie jeder Altersgruppe anpassen kannst, solange die Fähigkeit zum Sprachverständnis sowie grundlegende Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit gegeben sind. Entsprechend groß ist die Bandbreite von Möglichkeiten, wo Phantasiereisen sinnvoll eingesetzt werden können:

 

  • in der privaten Gesundheitsvorsorge,
  • begleitend zur Therapie oder im Rahmen eines therapeutischen Settings,
  • begleitend zu medizinischen Behandlungen (zum Beispiel psychosomatischer Erkrankungen),
  • im Coaching,
  • im betrieblichen Bereich,
  • in Schulen und Kitas,
  • in der Erwachsenenbildung,
  • in kirchlichen oder kommunalen Einrichtungen,
  • in der individuellen Lebensberatung,
  • in Selbsthilfegruppen,
  • in der Seniorenbetreuung.

 

Noch einmal eine wichtige Information aus der letzten Lektion: Entscheidend für den sinnvollen Einsatz von Phantasiereisen ist, sie so zu gestalten, dass sie

  • zum Setting,
  • zur Zielgruppe und
  • zum Einsatzzweck

passen. Deshalb ist nicht nur der Text der Phantasiereise ein wichtiges Gestaltungselement, sondern auch die Rahmenbedingungen (Kleidung, Musik, Raum, Einrichtung, Sprechweise usw.) sind im Idealfall auf die Gesamtwirkung abgestimmt.

 
 

Was lässt sich mit Phantasiereisen bewirken?

 

Einige der wichtigsten Aufgabenfelder für Phantasiereisen sind:

 

Entspannung: Eines der Hauptziele von Phantasiereisen ist natürlich, Körper und Psyche kontrolliert und möglichst zuverlässig in einen entspannten Zustand zu bringen. Das kann präventiv (zur Gesundheitsvorsorge) oder palliativ sinnvoll sein, etwa im Rahmen eines Stressbewältigungsprogramms, aber auch als Intervention zum Beispiel in akut belastenden Situationen – um Stressprozesse zu unterbrechen, Distanz zum belastenden Geschehen zu schaffen und eine Stimmungsaufhellung zu erleichtern.

 

Ablenkung: Phantasiereisen bieten mit ihrem Funktionsprinzip (intensive Fokussierung auf möglichst angenehme Reize, Sprecherbegleitung) ausgezeichnete Möglichkeiten, um Klienten mental und emotional aus einem aktuell ablaufenden Stressgeschehen zu holen. Gerade in Phasen mit hohen Stressbelastungen kann dieser Ansatz auch solchen Menschen Entspannung und Entlastung verschaffen, die zu anderen Verfahren wegen eines stressbedingt geminderten Konzentrationsvermögens nur schwer Zugang finden (zum Beispiel Autogenes Training, Progressive Muskelrelaxation).

 

Selbsterfahrung: Dadurch dass der Klient sich den eigenen Wahrnehmungen, den emotionalen Reaktionen und Erinnerungen zuwendet, die eine Phantasiereise mit sich bringt, eröffnet sich eine ungeheure Bandbreite von Möglichkeiten für Coaching und Therapie. So können Phantasiereisen zum Beispiel zur Exploration und Selbstexploration, zum Einsatz von Szenariotechniken, zur Zielklärung, Lösung emotionaler Blockaden und für viele weitere Zwecke genutzt werden. Besonders in diesem Bereich sind daher fachliche Kompetenz, Einfühlungsvermögen, Verantwortungsgefühl und Erfahrung gefragt. Bei Gruppen empfiehlt es sich, den Selbsterfahrungsanteil relativ gering und allgemein zu halten und konsequent auf angenehme Vorstellungsbilder zu fokussieren, um nicht ungewollt emotionale Traumata oder belastende Erinnerungen bei einzelnen Teilnehmer/innen auf den Plan zu rufen.

 

Genusstraining: Chronische Stressbelastungen können die Fähigkeit zum Genuss buchstäblich verkümmern lassen. Genuss – das gleichzeitige Erleben von Sinneseindrücken und positiven Emotionen – führt zur Ausschüttung von Botenstoffen im Gehirn, die stimmungsaufhellend, immunaktivierend und schmerzlindernd wirken. Wenn die neuralen Strukturen, die ein Genusserleben erzeugen, lange nicht benutzt werden, werden die Verbindungen zwischen den beteiligten Nervenzellen abgebaut. Ein Genusstraining sorgt dafür, dass diese Strukturen wieder gestärkt und ausgebaut werden – mit vielen Benefits für Gesundheit und Stimmungslage. Genusstraining ist Ressourcenentwicklung!

 

Trainingseffekte: Phantasiereisen bewirken bei regelmäßiger Anwendung auch langfristige Trainingseffekte, die einen wichtigen Beitrag zur Stressbewältigungskompetenz leisten können. Die Verknüpfung von inneren Bildern mit körperlichem und psychischem Entspannungserleben gibt den Klienten die Möglichkeit, auch im Alltag in belastenden Situationen einem Stressaufbau entgegenzuwirken, indem sie angenehme Vorstellungsbilder einsetzen, die ihnen aus den Phantasiereisen vertraut sind (bestimmte Orte, Situationen, Düfte, Klänge etc.):

 

„Wenn Sie diese Technik häufiger anwenden, können Sie die Bilder mit dem Gefühl von Entspannung verknüpfen. Nach einiger Übung reicht dann der Gedanke an das Fantasiebild, um das Gefühl hervorzurufen.“

 

(IKK classic, Einfach abschalten – Tipps zur Stressbewältigung und Entspannung, IKK-Ratgeber Gesundheit, Wende Verlag, Frechen 2010, S. 26)

 

Stärkung der Immunabwehr: Wie Studien belegen konnten, erhöht das Anhören von Phantasiereisen die Anzahl der Immunzellen im Blut und ihre Aktivität. Deshalb sind Phantasiereisen auch ein wirkungsvolles Verfahren, die Immunabwehr zu steigern und Infektionskrankheiten vorzubeugen. Ein aktives Immunsystem senkt darüber hinaus das Risiko, an Krebs zu erkranken.

 
 

Phantasiereisen in medizinischen und psychotherapeutischen Handlungsfeldern

 

In Deutschland sind Phantasiereisen derzeit vor allem im psychotherapeutischen Bereich anzutreffen, während sie in Kliniken und anderen medizinischen Einrichtungen eher sporadisch eingesetzt werden. Das hängt damit zusammen, dass sie in Deutschland von Krankenversicherungsträgern (noch) nicht als evidenzbasiertes Verfahren (also als wissenschaftlich bestätigt) angesehen werden. Ärzte wissen deshalb oft nicht, was Phantasiereisen sind, wie sie wirken und was sie können. Der Grund dafür ist anscheinend, dass es im deutschen Sprachraum nur sehr wenige wissenschaftliche Untersuchungen über die Wirkungen und Wirkmechanismen von Phantasiereisen gibt.

 

In den USA sieht die Sache ganz anders aus. Hier haben eine Vielzahl von Studien sich mit diesen Fragen beschäftigt und wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse geliefert, die die Wirksamkeit von Phantasiereisen zeigen. Deshalb wird “guided imagery” dort auch an großen Universitätskliniken eingesetzt, um zum Beispiel den postoperativen Schmerzmittelbedarf zu senken, die Immunabwehr zu stärken oder Beschwerden ohne erkennbare organische Ursache mitzubehandeln. Auf diese Wirksamkeitsstudien gehen wir in einer eigenen Lektion ein (Gesundheitliche Effekte von Phantasiereisen).

 

In Deutschland ist in dieser Hinsicht noch einiges an Pionierarbeit zu leisten. Hier sind vor allem Entspannungstrainer mit therapeutischem oder medizinischem Hintergrund gefragt, um das Verfahren stärker in medizinischen Einrichtungen zu verankern, seine Vorteile im interdisziplinären Einsatz klar zu kommunizieren und über Einsatzmöglichkeiten und Wirkmechanismen aufzuklären. Phantasiereisen können in Prävention, (Psycho-) Diagnostik, Therapie und Nachsorge/Rehabilitation wirkungsvoll helfen, wichtige Ziele zu erreichen – das muss allerdings erst einmal beim medizinischen “Establishment” ankommen.

 

Vorsicht Falle: Phantasiereisen als Therapie

 

Ein ganz besonders wichtiger Sachverhalt muss dir unbedingt klar sein, wenn du in Deutschland als Entspannungstrainer arbeitest: Therapeutisch arbeiten – also Krankheiten behandeln – dürfen hier nur diejenigen, die eine entsprechende Ausbildung absolviert und eine staatliche Prüfung abgelegt haben. Das sind Ärzte, psychologische Psychotherapeuten und – mit mehr oder weniger umfangreichen Auflagen – Heilpraktiker und Physiotherapeuten (eingeschränkte Heilerlaubnis, ärztliches Weisungsgebot). Wer keinen solchen Ausbildungshintergrund besitzt, sollte es strikt vermeiden, “Therapie” anzubieten und das auch klar kommunizieren – am besten schriftlich.

 

Coaches, Lebensberater, Angehörige von Pflegeberufen und anderen nicht-therapeutischen Berufszweigen (zum Beispiel Sozialarbeiter, -pädagogen, Erzieher, Gesundheitsberater, Sportwissenschaftler, Trainer, usw.) können allerdings Phantasiereisen unter bestimmten Bedingungen therapiebegleitend durchführen, was bei einer Vielzahl von Störungsbildern und Erkrankungen Sinn macht. Voraussetzung dafür ist,

  • dass der/die Behandler davon wissen oder es sogar angeregt haben,
  • dass eine Absprache mit dem/den Behandler/n über Ziele und Vorgehensweise stattfindet,
  • dass keine Ausschlussgründe (Kontraindikationen) vorliegen, die es verbieten, eine Phantasiereise durchzuführen.

 

Diese Kontraindikationen lernst du in Lektion Indikationen und Kontraindikationen kennen. Es gibt nämlich eine Reihe von Erkrankungen und Störungsbildern, bei denen Phantasiereisen auf keinen Fall eingesetzt werden dürfen, da sie das Beschwerdebild verschlimmern könnten. Um auf der sicheren Seite zu sein, lässt du dir am besten vom Behandler schriftlich bestätigen, dass aus psychotherapeutischer oder ärztlicher Sicht keine Kontraindikationen für den Einsatz von Phantasiereisen gegeben sind.

 
 

Die wichtigsten Informationen aus dieser Lektion:

 

  • Phantasiereisen können einer Vielzahl von Einsatzzwecken angepasst werden, ganz nach dem Wissenshintergrund und Tätigkeitsfeld des Entspannungstrainers.
  • Phantasiereisen sind für alle Altersgruppen geeignet und können auf unterschiedliche Zielgruppen zugeschnitten werden.
  • Bei der Gestaltung von Phantasiereisen müssen der Einsatzzweck (Ziel), der situative Kontext (das Setting) und die Eigenschaften der Zielgruppe (Zuhörer) berücksichtigt werden.
  • Phantasiereisen werden hauptsächlich zur psychophysischen Entspannung, zur Unterbrechung von Stressprozessen, zur Selbsterfahrung und Lebensgestaltung, als Genusstraining, als Stressresilienztraining oder zur Steigerung der Immunabwehr eingesetzt.
  • In Deutschland gibt es derzeit nur wenige wissenschaftliche Studien, die sich mit der Wirkungsweise von Phantasiereisen befassen.
  • Deshalb gelten Phantasiereisen in Deutschland nicht als wissenschaftlich belegt und werden von Krankenversicherungsträgern in der Regel nicht als Maßnahme der Prävention oder Therapie anerkannt.
  • In den USA sind die Wirkmechanismen von Phantasiereisen (guided imagery) gut belegt und wissenschaftlich gesichert, weshalb sie häufig auch im medizinischen Bereich eingesetzt werden.
  • Therapie dürfen in Deutschland nur die Angehörigen von Heilberufen anbieten und durchführen: Ärzte, psychologische Psychotherapeuten und Heilpraktiker.
  • Phantasiereise-Kursleiter, die keine staatliche Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde besitzen, können Phantasiereisen trotzdem therapiebegleitend anbieten, sofern eine Absprache mit dem Behandler stattfindet und keine Ausschlussgründe (Kontraindikationen) vorliegen.

 
 

Was dich in der nächsten Lektion erwartet

 

In der nächsten Lektion geben wir dir einen kurzen Überblick darüber, wie Phantasiereisen entstanden sind und welche Entdeckungen, Konzepte und Ideen zu dem Verfahren geführt haben.

 

Hier geht es weiter: Geschichtlicher Hintergrund von Phantasiereisen

 

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