Geschichtlicher Hintergrund von Phantasiereisen

 

Worum geht es in dieser Lektion?

 
Damit Phantasiereisen überhaupt entstehen konnten, musste einiges passieren, denn in früheren Zeiten galten innere Bilder nicht gerade als vertrauenswürdig. In dieser Lektion skizzieren wir die wichtigsten Stationen und Konzepte, die dazu geführt haben, dass es Phantasiereisen gibt.
 
 

Geschichten, die heilen: eine uralte Idee

Dass Worte ein inneres Erleben nicht nur mitteilbar machen, sondern auch im Zuhörer ähnliche Erlebnisse auslösen können, gehört wohl zu den frühesten Erfahrungen der Menschheit: aus vielen Kulturen wird berichtet, wie Geschichten zu Heilzwecken erzählt wurden – oft in Verbindung mit einer drogeninduzierten Trance.
 

Einige der Kultstätten, an denen solche Riten praktiziert wurden, entwickelten sich in der Antike zum Beispiel in Griechenland zu überregionalen Therapiezentren von hervorragendem Ruf wie zum Beispiel das Asklepios-Heiligtum in Epidauros, eine ausgedehnte Kultanlage, die an ein modernes Wellness-Zentrum denken lässt.
 

Einen gewichtigen Beitrag zur Erforschung der inneren Bildwelten leistete der Schweizer Psychiater und Neurologe Carl Gustav Jung (1875 – 1961).
 

Er ging in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Frage nach, warum es eine universale Eigenart der Menschen ist, innere, irrational erscheinende Bilder spontan zu produzieren, quer durch alle Epochen und Kulturen.
 

Damit stellte er sich gegen die damals vorherrschende Ansicht, dass diese Eigenart ein Merkmal primitiver, vorwissenschaftlicher Kulturen, geistiger Unreife, eines Mangels an Bildung oder gar psychischer Störungen sei. Er stellte fest, dass es im Menschen etwas gibt, das innere Bilder produziert, um die psychische Stabilität aufrecht zu erhalten und eine Reifung und Fortentwicklung der Persönlichkeit zu ermöglichen – und dass sich diese Bilder quer durch Kulturen und Zeiten oft verblüffend ähnlich sehen.
 

Also begann er sie systematisch zu erforschen und seine Patienten dazu anzuleiten, mit ihren inneren Bildern zu arbeiten.
 

Literaturtipp:

 


 
 
 
C.G. Jung, M. von Franz, J. Henderson:
Der Mensch und seine Symbole
Patmos Verlag, 320 Seiten, ISBN: 978-3843602945

 

 
 

In den 1950-er und 60-er Jahren erforschten Psychiater und Psychologen außerdem verstärkt ungewöhnliche Bewusstseinszustände, wie sie in Trancen oder unter Drogeneinfluss auftreten, um herauszufinden, wie der menschliche Geist funktioniert. Vor allem zum Verständnis von Psychosen sollte zum Beispiel der experimentelle Einsatz von LSD und ähnlichen psychoaktiven Substanzen beitragen.
 

Einer der Forscher, die sich mit diesen Ansätzen beschäftigten, war Hanscarl Leuner (1919 – 1996), der sich bereits in den 1950-ern mit therapeutischen Effekten von Imagination beschäftigte und 1954 zum ersten Mal ein Verfahren namens „Katathymes Bilderleben“ (heute: Katathym-imaginative Psychotherapie) beschrieb, bei dem innere Bilder und Tagträume genutzt werden, um therapeutische Ziele zu verfolgen. Auch seine Arbeit hat die Entstehung der Phantasiereisen, wie wir sie heute kennen, maßgeblich beeinflusst, und es lohnt sich durchaus auch für Entspannungstrainer/innen, sich mit den Grundzügen der Katathym-imaginativen Psychotherapie vertraut zu machen.
 

Literaturtipp:

 


 
 
Ulrich Bahrke, Karin Nohr:
Katathym Imaginative Psychotherapie: Lehrbuch der Arbeit mit Imaginationen in psychodynamischen Psychotherapien
Springer Verlag, 244 Seiten, ISBN 978-3642032530

 

 
 
 

Die Silberlichtstraße des Mondes: Moderne Fantasiereisen

 

Im deutschen Sprachraum kann die Sozialpädagogin und Therapeutin Else Müller (*1934) das Verdienst für sich beanspruchen, Phantasiereisen als Entspannungsverfahren einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu haben. In ihren seit den 1980-ern veröffentlichten Büchern, die heute noch erhältlich sind, kombiniert sie innere Vorstellungsbilder mit Elementen des Autogenen Trainings. Ihre meist kurzen, nur wenige Minuten dauernden Reisen, die oft Gedichten ähneln, bestehen aus skizzenhaften Impressionen, die dem Zuhörer viel Freiraum lassen, und entspannenden Suggestionen; Ein- und Ausleitungen fehlen.
 

Im therapeutischen Umfeld sind Phantasiereisen inzwischen ein geläufiges Verfahren. Auch im Coaching, das sich erst seit den späten 1980-ern als eigenständige Form zunächst der Personal-, inzwischen auch der Persönlichkeitsentwicklung etablierte, werden sie zunehmend mehr eingesetzt.
 

Auch als Hilfe zur alltäglichen Gesundheitsprävention und Stressbewältigung sind sie inzwischen seit mehr als einem Vierteljahrhundert aus dem einschlägigen Tonträger-Angebot und der Wellness- und Gesundheitslandschaft nicht mehr wegzudenken.
 

In den Vereinigten Staaten werden Phantasiereisen (guided imagery) zunehmend auch im medizinischen Umfeld eingesetzt, um zum Beispiel den Schmerzmittelbedarf nach einer Operation zu senken, die Angst vor Operationen zu reduzieren, das Immunsystem zu stärken oder psychosomatische Erkrankungen mitzubehandeln. Dort werden die gesundheitlichen Wirkungen von Phantasiereisen wesentlich intensiver erforscht, als es bis jetzt noch im deutschsprachigen Raum der Fall ist. Näheres darüber erfährst du im nächsten Kapitel.
 

Inzwischen sind Phantasiereisen zu einem hochwirksamen imaginativen Entspannungsverfahren geworden und entwickeln sich fortwährend weiter, oft in Kombination mit anderen Verfahren wie Autogenem Training, Progressiver Muskelentspannung oder Hypnose. Dabei sind die Möglichkeiten, die dieses flexible Verfahren bietet, noch längst nicht ausgeschöpft. Wir dürfen also gespannt sein, welche Wege die Phantasiereise noch einschlägt – oder selbst eigene Wege entwickeln.
 

 

Die wichtigsten Informationen aus dieser Lektion:

 

  • Innere Bilder werden schon seit Jahrtausenden von vielen Kulturen zu Heilzwecken eingesetzt.
  • Der Schweizer Psychotherapeut Carl Gustav Jung leistete wichtige Pionierarbeit zum Verständnis spontan auftauchender innerer Bilder, ihrer Bedeutung und ihrer Funktion für die Psyche.
  • Hanscarl Leuner, ein deutscher Psychotherapeut, entwickelte den Ansatz des “Katathym-imaginativen Bilderlebens”, um innere Bilder für therapeutische Zwecke zu nutzen.
  • Im deutschsprachigen Raum war es die Pädagogin Else Müller, die seit den 1980-er Jahren mit ihren sehr populären Büchern eine breite Öffentlichkeit für Phantasiereisen schuf.
  • In den USA werden Phantasiereisen (guided imagery) bereits zu medizinischen Zwecken therapiebegleitend eingesetzt, zum Beispiel im Bereich der OP-Vorbereitung und -Nachsorge oder bei der Behandlung psychosomatischer Erkrankungen.
  • Wegen ihrer Flexibilität werden Phantasiereisen fortlaufend für unterschiedliche Zwecke weiterentwickelt, sodass sie in den unterschiedlichsten Bereichen eingesetzt werden können.

 
 

Was dich in der nächsten Lektion erwartet

 
In der nächsten Lektion erfährst du, welche gesundheitlichen Effekte Phantasiereisen auslösen können, basierend auf Wirksamkeitsstudien aus den USA.
 

Hier geht es weiter: Gesundheitliche Effekte von Phantasiereisen

 

Buche jetzt das vollständige Online-Ausbildungsmodul 1 “Grundlagen für Entspannungstrainer”:
Der Einstieg ist jederzeit möglich!
Online-Kursgebühr: nur 99 EUR
 
Jetzt Online-Ausbildungsmodul 1 buchen!

Auf diesen Seiten findest du einen kostenlosen Auszug unserer modularen Ausbildung zum Kursleiter für Phantasiereisen. Los geht es mit der Lektion Phantasiereisen – eine Einführung.



Informiere dich jetzt über die vollständige Ausbildung zum Kursleiter für Phantasiereisen...

... und dann buche das Online-Ausbildungsmodul 1 "Grundlagen für Entspannungstrainer"!





Ausbildung mit Zertifikat:
Unser Zertifikat "Kursleiter für Phantasiereisen" erhälst du bereits nach Abschluss von zwei unserer Ausbildungsmodule:

Mit vier abgeschlossenen Ausbildungsmodulen erhälst du zusätzlich das Zertifikat zum Entspannungstrainer:

Natürlich gibt es auch für jedes einzeln gebuchte Modul eine Teilnahmebestätigung.




Das neue Buch von Frank Hoese
und Nils Klippstein: