Indikationen und Kontraindikationen bei Phantasiereisen

 

Worum geht es in dieser Lektion?

 

Dieses Kapitel ist kurz, aber wichtig. Besonders die Kontraindikationen – Störungsbilder oder Erkrankungen, bei denen keine Phantasiereisen eingesetzt werden dürfen – solltest du aus dem Effeff beherrschen. Die Indikationen geben dir wertvolle Anregungen, zu welchen Zwecken du Phantasiereisen einsetzen kannst.

 

 

Indikationen – wozu Phantasiereisen eingesetzt werden können

 

Mit ihren vielfältigen Wirkungen auf Körper und Psyche machen Phantasiereisen bei einer Vielzahl von Aufgabenstellungen Sinn. Wir unterscheiden hier zwischen therapeutischen und nichttherapeutischen Anwendungen, damit du immer auf der sicheren Seite bleibst.
 

Therapeutische Anwendungen bleiben Therapeuten vorbehalten, die die Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde besitzen, und zielen auf die Heilung oder Besserung von Erkrankungen.
 


 
Nichttherapeutische Anwendungen können von jedem durchgeführt werden, und ihr primäres Ziel liegt nicht in der Behandlung oder Linderung von Krankheiten und gesundheitlichen Störungen.
 

Die Übergänge sind freilich fließend, denn auch bei “Gesunden” haben Phantasiereisen selbstverständlich gesundheitswirksame Effekte, und andererseits sind sie nicht per se verboten, nur weil jemand krank ist (Ausnahmen findest du bei den Kontraindikationen). Sie dürfen nur von Nicht-Therapeuten nicht zu Heilzwecken eingesetzt werden.
 

Sogar jemandem, der wegen einer Erkrankung in ärztlicher Behandlung ist, kannst du in vielen Fällen durchaus eine Phantasiereise anbieten, auch wenn du selbst kein Therapeut mit Heilerlaubnis bist. Du solltest dabei aber klarstellen, dass du keine Heilbehandlung, sondern eine Anwendung zur Entspannung und zur Stimmungsaufhellung anbietest.
 

Was im Zweifelsfall eine Erkrankung ist und was nicht, definieren die “Krankheitskataloge” des ICD-10 (International Classification of Diseases, 10. Fassung) und des DSM-IV (Diagnostical and Statistical Manual of Mental Disorders, 4. Fassung). Hier sind allerdings Fingerspitzengefühl und Sorgfalt gefragt, denn wann eine Störung zur behandlungsbedürftigen Erkrankung wird, ist für medizinische oder psychologische Laien schwer zu unterscheiden. Wenn du eine behandlungsbedürftige Störung bei einem Klienten oder Gruppenteilnehmer vermutest, solltest du grundsätzlich immer eine ärztliche Abklärung anregen.
 

Nichttherapeutische Anwendungen

 

Im nichttherapeutischen Anwendungsbereich können Phantasiereisen zum Beispiel zu folgenden Zwecken eingesetzt werden:

  • Entspannung und Beruhigung, auch bei Kindern (hier auf kindgerechte, altersgemäße Phantasiereisen achten);
  • Ablenkung von Stress, Unterbrechen von Stressprozessen;
  • Förderung von Stressresilienz;
  • Selbsterfahrung und Selbstreflektion;
  • Ziele entwickeln;
  • Motivation stärken;
  • Entscheidungsfindung unterstützen;
  • Selbstwert und Selbstakzeptanz stärken;
  • Stimmungsaufhellung (Achtung – nicht bei Depressionen, siehe Kontraindikationen);
  • als Wellness-Anwendung;
  • zur Unterstützung von Veränderungsprozessen (zum Beispiel bei gewünschten Verhaltensänderungen oder in Umbruchphasen);
  • zur Unterstützung von sportlichem Training;
  • zum Erlernen neuer Fähigkeiten (Instrument spielen, Auto fahren, Sprache lernen, Sportarten etc.);
  • zur Reduzierung von Prüfungs- und Redeangst (nicht bei schwerwiegenden Beeinträchtigungen im Sinne einer sozialen Phobie gemäß ICD-10 oder DSM-IV);
  • zur Verbesserung des Einschlafens (nicht bei Schlafstörungen – Dyssomnien – im Sinne des ICD-10 oder DSM-IV);

 

In diesen Anwendungsbereichen kannst du – mit den erwähnten Einschränkungen – risikolos arbeiten, ohne in die Nähe unerlaubter Ausübung der Heilkunde zu geraten.

 

Therapeutische Anwendungsbereiche

 

Sie sind die Domäne von Ärzten, Psychologen und Heilpraktikern. Hier sind Phantasiereisen in ein Therapiekonzept eingebunden, in dem sie bestimmte Funktionen erfüllen. Sie sind in diesem Zusammenhang kein eigenständiges Heilverfahren, sondern ein therapeutisches Werkzeug, das mit anderen Verfahren und Strategien, auch Medikation, kombiniert wird, um die Therapieziele zu erreichen.

 

Hier können Phantasiereisen zum Beispiel eingesetzt werden

  • zur Unterstützung der Behandlung psychosomatischer Beschwerden und Erkrankungen oder von Funktionsstörungen ohne nachweisbare organische Ursache;
  • in der Behandlung von Ängsten, Phobien, Schlafstörungen oder Alpträumen;
  • begleitend zur Schmerzbehandlung (vorwiegend chronischer Schmerz oder postoperativer Schmerz);
  • zur Reduzierung von Angst im Vorfeld einer Operation;
  • zur Anregung des Immunsystems;
  • zur Psychodiagnostik und zur Aufdeckung innerer Konflikte und unbewusster Prozesse;
  • zur Förderung der Körper- und Selbstwahrnehmung und Verbesserung der Selbststeuerungsfähigkeiten;
  • in der Rehabilitationsphase zur Motivationsförderung (eigenständige aktive Mitarbeit an Genesung und Wiedereingliederung).

 

 

Kontraindikationen

 

Es gibt einige Störungsbilder und Erkrankungen, bei denen der Einsatz von Phantasiereisen verboten ist, da sie zu einer Verschlimmerung des Krankheitsbildes führen könnten oder ihre Effekte nicht vorhersagbar sind.
 
Das sind insbesondere psychische Erkrankungen wie:

  • Psychosen (z.B. Schizophrenie, Wahnerkrankungen, Störungsbilder mit gestörtem Realitätsbezug und/oder Halluzinationen);
  • dissoziative Störungen (Amnesie, Fugue, dissoziative Identitätsstörung);
  • einige affektive Störungen (z.B. endogene Depression);
  • hirnorganische Störungen (z.B. Demenz);
  • Persönlichkeitsstörungen, insbesondere Borderline-Syndrom;
  • geistige Behinderung mit Intelligenzminderung und Einschränkung der Selbstverfügbarkeit;
  • alkoholinduzierte Störungen, psychotische Zustände oder hirnorganische Veränderungen nach dem Missbrauch von Inhalantien oder Halluzinogenen;

 

Auch Menschen, die unter dem Einfluss von Drogen stehen oder Psychopharmaka einnehmen, sollten keine Phantasiereise unternehmen.

 

Im Bereich der organischen Erkrankungen gibt es auch einige Situationen, in denen Phantasiereisen zu gefährlichen Nebeneffekten führen können und deshalb kontraindiziert sind. Das sind insbesondere:

  • Zustand nach Herzinfarkt oder Schlaganfall (innerhalb der letzten sechs Wochen) – hier könnte die Gefäßreaktion während der Phantasiereise zur Abschwemmung von Blutpfropfen (Thromben) und Embolien führen;
  • in den ersten Tagen unmittelbar nach einer Operation (Risiko von Blutungen, Embolien);
  • bei sehr niedrigem Blutdruck, insbesondere mit Ohnmachtsanfällen (Synkopen) – hier kann das Absinken des Blutdrucks und die Umverteilung großer Blutvolumina während oder auch nach der Phantasiereise zu Bewusstlosigkeit und Minderdurchblutung des Gehirns führen;
  • bei einer Herzschwäche (Herzinsuffizienz) IV. Grades mit Beschwerden auch im Ruhezustand sowie bei allen körperlichen Aktivitäten.

 
Für medizinische Laien ist es schwer einzuschätzen, wie sich Phantasiereisen auf die gesundheitliche Situation eines Patienten auswirken – im Zweifelsfall sollten Bedenken immer mit dem behandelnden Arzt geklärt werden. Ein Zweifelsfall ist immer dann gegeben, wenn du die Erkrankung und die ihr zugrundeliegenden Mechanismen nicht kennst und nicht weißt, wie du dich verhalten sollst, wenn während oder nach der Phantasiereise etwas Ungewöhnliches passiert.
 

 

Die wichtigsten Informationen aus dieser Lektion:

 

  • Phantasiereisen können grundsätzlich zu therapeutischen und nichttherapeutischen Zwecken eingesetzt werden.
  • Therapeutische Verfahren zielen auf die Heilung oder Linderung von Beschwerden oder Erkrankungen.
  • In Deutschland dürfen nur solche Personen Heilbehandlungen anbieten, die eine Heilerlaubnis oder eingeschränkte Heilerlaubnis besitzen – Ärzte, Psychotherapeuten und Heilpraktiker.
  • Wer keine Heilerlaubnis besitzt, darf auch Menschen mit Erkrankungen Phantasiereisen anbieten, sofern die Phantasiereise nicht zur Behandlung ihrer Erkrankung angeboten wird und keine Kontraindikationen vorliegen.
  • Dabei solltest du sehr sorgfältig abwägen, ob du einschätzen kannst, wie sich die Phantasiereise auf den Gesundheitszustand des Betreffenden auswirkt, und im Zweifelsfall auf die Durchführung verzichten.
  • Wer eine Heilerlaubnis besitzt, kann Phantasiereisen im Rahmen eines Therapiekonzeptes auch zur Unterstützung der Heilbehandlung einsetzen..
  • Einige Erkrankungen oder Störungsbilder stellen Ausschlussgründe für Phantasiereisen dar.
  • Es gibt sowohl psychische als auch körperliche Erkrankungen, die Ausschlussgründe für Phantasiereisen darstellen können.
  • Bei Psychosen, Wahnerkrankungen, Halluzinationen, geistiger Behinderung oder Demenz sowie bei der Einnahme von Psychopharmaka sind Phantasiereisen absolut kontraindiziert.
  • In den ersten sechs Wochen nach Herzinfarkt oder Schlaganfall, unmittelbar nach einer Operation, bei schwerer Herzinsuffizienz oder extrem niedrigem Blutdruck mit Ohnmachtsanfällen sind Phantasiereisen ebenfalls kontraindiziert.
  • Im Zweifelsfall – wenn du dir nicht sicher bist, wie sich eine Phantasiereise bei einem Krankheitsbild auswirkt – musst du ihre Anwendung voher mit dem Arzt abklären.

 
 

Was dich in der nächsten Lektion erwartet

 

In der nächsten Lektion erfährst du, wie Phantasiereisen aufgebaut sind und was für typische Elemente in ihnen vorkommen können.

 

Hier geht es weiter: Der grundlegende Aufbau von Phantasiereisen
 

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