Phantasiereisen – eine Einführung

 

Worum geht es in dieser Lektion?

 

Lerne Phantasiereisen als Entspannungsverfahren näher kennen und erfahre, wie sie funktionieren, wie sie aufgebaut sind, was sie bewirken und wie du sie einsetzen kannst.

 
 

Was sind Phantasiereisen?

 

Grundsätzlich ist jede Phantasiereise erst einmal ein Text, der der Kommunikation zwischen einem Sprecher und einem Hörer dient. Anders als andere Textgattungen (Kurzgeschichte, Reportage, Brief o.ä.) verfolgt die Phantasiereise das Ziel, dem Zuhörer Entspannung und Selbsterfahrung zu ermöglichen.

 

Jede Textgattung geht anders vor, um ihr Ziel zu erreichen, und bedient sich dazu eigener sprachlicher Mittel. Das gilt auch für die Phantasiereise. Im Laufe dieser Ausbildung zum Entspannungstrainer und/oder Kursleiter für Phantasiereisen wirst du nach und nach einige dieser sprachlichen Mittel kennenlernen und sie zu eigenen Phantasiereisen kombinieren.

 

Phantasiereisen setzen einen Sprecher, einen Empfänger (Adressat) und einen Situationszusammenhang voraus – den Kontext (oder auch das Setting), in dem die Kommunikation stattfindet (zum Beispiel Einzel-, Gruppensetting, therapeutisches Setting, Coaching etc.).
 

Alle drei Elemente – Sprecher, Adressat und Setting – bestimmen, wie die Phantasiereise aussehen kann. Die Phantasiereise ist dabei im Idealfall keine einseitige Kommunikation, sondern Teil eines Kommunikationsprozesses, in den du auch das Feedback der Teilnehmer nach dem Entspannungserlebnis mit einbeziehst – ein besonders wichtiger Punkt.

 

 

Phantasiereisen sind in der Regel nicht dazu da, wie ein Brief oder ein Buch gelesen zu werden, sondern sie werden vorgelesen – entweder live oder von einem Tonträger. Sie stimulieren damit in erster Linie das Gehör, um das innere Erleben des Adressaten zu steuern. Wie sie das tun, hast du in der letzten Lektion erfahren:

  • sie nutzen Inhalte seines Langzeitgedächtnisses, um den Inhalt des Arbeitsgedächtnisses (und damit des Bewusstseins) zu gestalten;
  • sie nutzen Emotionen, um möglichst viele Gehirnsysteme zu aktivieren, die vegetative Steuerungsprozesse beeinflussen können.

 

Im Unterschied zu anderen Entspannungsverfahren wie Autogenem Training oder Progressiver Muskelrelaxation richtet sich die Aufmerksamkeit des Zuhörers dabei nicht vorrangig auf die aktuelle Körperwahrnehmung.
 

Phantasiereisen arbeiten mit inneren Vorstellungsbildern, um das Erleben des Hörers zu lenken („innerer Film“). Dabei wird die Körperwahrnehmung zugunsten des vorgestellten Geschehens meist weitgehend ausgeblendet (falls du sie nicht gerade gezielt thematisierst, zum Beispiel indem du die Aufmerksamkeit auf die Atmung lenkst). Wie das über das Aufmerksamkeits-Kontrollsystem und den Thalamus organisiert wird, hast du ebenfalls im letzten Teil erfahren.

 

 

Der Zuhörer soll während der Phantasiereise die Vorstellungsbilder möglichst intensiv und plastisch erleben. Deshalb arbeiten Phantasiereisen mit vorgestellten Sinneseindrücken:

  • Bildern (visuell),
  • Klängen (auditiv),
  • Körperempfindungen (kinästhetisch-taktil),
  • Gerüchen (olfaktorisch).
  • Geschmäckern (gustatorisch),

 

Jeder dieser Sinne ist mit spezifischen Zentren und Bahnen im Gehirn verknüpft, die durch die Phantasiereise aktiviert und in die Gestaltung des Erlebnisses mit einbezogen werden. Dies ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal gegenüber anderen Entspannungsformen und eine charakteristische Eigenschaft von Phantasiereisen.

 

Ein anderes wichtiges Unterscheidungsmerkmal ist die gezielte und bewusste Nutzung von angenehmen Emotionen, um das Erleben zu gestalten, die Einbindung des Genusses in das Entspannungserlebnis. Wo andere Entspannungsverfahren die emotionalen Reaktionen der Zuhörer eher als begleitendes Geschehen hinnehmen oder sogar zu umgehen versuchen, rückt die Phantasiereise sie in den Mittelpunkt und arbeitet mit ihnen. Das macht sie sehr wirkungsvoll, weil dadurch viele Gehirnareale aktiviert werden, erfordert aber auch ein hohes Maß an persönlicher Integrität, psychologischem Verständnis und Verantwortungsgefühl beim Kursleiter – also bei dir.

 
 

Phantasiereisen, Trance und Hypnose

 

Durch die Einengung des Bewusstseins, das Ausblenden von Außenreizen und die Fokussierung auf das vorgestellte Geschehen treten die Teilnehmer in einen Trancezustand. Das ist ein ganz normaler Vorgang, den du bei der Konzeption von Phantasiereisen allerdings berücksichtigen solltest: In der interaktiven Entspannungstrance sind die psychischen Abwehrmechanismen der Teilnehmer reduziert, und unbewusste bzw. unterbewusste Inhalte sind leichter zugänglich. Dieser Umstand erfordert unbedingt

  • einen verantwortungsvollen und bewussten Umgang mit der Sprache und den inneren Bildern während der Reise und
  • einen entsprechenden Aufbau mit einer gründlichen, wirkungsvollen Rücknahme der Entspannung beziehungsweise der Trance am Ende der Phantasiereise.

 

Diese Rücknahme ist nicht nur wichtig, um die Entspannungs-Trance zu beenden, sondern vor allem, damit deine Kursteilnehmer wieder hellwach und verkehrstüchtig sind. Du hast als Kursleiter die Verantwortung dafür, dass nach deiner Veranstaltung niemand mental verlangsamt oder mit reduziertem Wachheitsgrad in den Straßenverkehr hinausmarschiert! Wie eine korrekte Rücknahme aussieht, erfährst du in einer späteren Lektion.

 

Da in einer Trance in der Regel die eigenen “mentalen Schutzschilde” heruntergefahren werden, heißt dies für dich, dass du konsequent mit dem Assoziationsprinzip und dem Kongruzenzprinzip arbeiten musst, um eine positive Grundstimmung zu erzeugen – so wird es unwahrscheinlicher, dass bei einem Teilnehmer emotional belastende Erinnerungen auftauchen können.

 

Obwohl Phantasiereisen oft in einer tiefen Entspannungs-Trance erlebt werden, sind Phantasiereisen trotzdem keine Hypnosen, da Hypnosen formal und inhaltlich anders gestaltet werden als Phantasiereisen und häufig völlig andere Ziele verfolgen. Der wichtigste Unterschied ist: Phantasiereisen sind nicht dazu gedacht, absichtlich eine Trance zu erzeugen (zu induzieren), während Hypnosen genau damit arbeiten.
 

Es gibt allerdings viele Berührungspunkte und Überschneidungen zwischen beiden Verfahren, und sie können sich in Einzel- oder Gruppensettings sinnvoll ergänzen. Eine scharfe Trennlinie zwischen beiden gibt es nicht, eher einen Grenzbereich, in dem das eine in das andere übergeht. Auch Phantasiereisen können hypnotische Elemente verwenden und in Hypnosen können interaktive Trancen mit Phantasiereisen oder Vorstellungselementen eingesetzt werden.

 

Tipp für die Praxis: Gegenüber den Teilnehmern empfiehlt es sich im allgemeinen, das Wort „Trance“ zu vermeiden und stattdessen von „tiefer Entspannung“, „innerer Gelöstheit“ u.ä. zu sprechen, um nicht den Eindruck entstehen zu lassen, sie würden gegen ihren Willen hypnotisiert oder seien während der Phantasiereise wehr- und willenlos. Das ist zwar weder bei Phantasiereisen noch bei Hypnosen der Fall, wird aber von vielen Menschen ohne Hintergrundwissen so angenommen – nicht zuletzt sicher aufgrund der Darstellung von Show-Hypnose auf unseren Privatfernsehsendern.
 

Wenn du lieber das Wort “Trance” benutzen möchtest, so kläre doch deine Teilnehmer bitte vorher auf, dass die Trance ein normaler Vorgang ist, den wir alle jeden Tag hundertfach erleben. Die Wikipedia definiert es übrigens so: Als Trance gilt im Vergleich zur weiten, panoramaartigen Achtsamkeit genaugenommen jede fokussierte und damit begrenzte Aufmerksamkeit. Die verstärkte Fokussierung der Aufmerksamkeit auf bestimmte Aspekte des sensualen Erlebens, geht, je nach Tiefe des Trancezustandes, mit einer schwach oder stark herabgesetzten Wachheit einher.

 
 

Phantasiereisen gestalten – an welchen Faktoren du dich orientieren kannst

Wie eine Phantasiereise gestaltet werden kann, hängt von vielen Dingen ab, zum Beispiel

  • von der Zeit, die zur Verfügung steht;
  • vom Alter, der Lebenssituation, der Tranceerfahrung oder dem Verständnis der Zuhörer,
  • ihren Vorlieben oder Weltanschauungen, ihrem sozialen und soziokulturellen Hintergrund;
  • den Vorlieben, Qualifikationen und Vorerfahrungen des Kursleiters,
  • vom Zweck der Reise,
  • den Umgebungsbedingungen,
  • und vielem mehr!

Damit die Kommunikation gelingt und der Zweck erreicht wird, musst du sicherstellen, dass der Text alle Zuhörer “mitnimmt”, also dass die vorgestellten Situationen so beschaffen sind, dass jeder etwas damit anfangen kann: Kinder haben eine ganz andere Erfahrungs- und Vorstellungswelt als Erwachsene, Senioren andere Probleme und Wünsche als junge Erwachsene.
 

Religiöse oder esoterische Elemente haben übrigens in einem Angebot für eine durchschnittlich gemischte Gruppe nicht wirklich etwas verloren, es sei denn, du richtest dich mit deinen Phantasiereisen gerade an diese spirituell orientierten Zielgruppen und bewirbst und kommunizierst das Angebot auch dementsprechend.
 

Alles in allem kann eine Phantasiereise inhaltlich sehr frei gestaltet werden. Im Grunde ist fast alles möglich, von wenigen ausgewählten Vorstellungsbildern ohne Handlungselemente bis hin zu märchenhaften oder phantastischen Geschichten.
 

Das setzt allerdings auch voraus, dass du weißt, wie du eine Phantasiereise technisch und fachlich korrekt konzipierst. Das Grundlagenwissen, das dazu nötig ist, vermitteln wir dir in diesem Kurs. Weiterführende und vertiefende Elemente bieten wir im Kursmodul 2 “Kursleiter für Phantasiereisen” und im Modul 3 “Phantasiereisen schreiben für Entspannungstrainer” an.

 
 

Die wichtigsten Informationen aus dieser Lektion:

  • Phantasiereisen sind Texte, die der Kommunikation zwischen einem Sprecher und einem Hörer dienen.
  • Der Zweck dieser speziellen Textgattung ist es, Entspannung und Selbsterfahrung zu ermöglichen.
  • Bei der Gestaltung von Phantasiereisen müssen der Einsatzzweck (Ziel), der situative Kontext (das Setting) und die Eigenschaften der Zielgruppe (Zuhörer) berücksichtigt werden.
  • Phantasiereisen arbeiten – anders als andere Entspannungverfahren – mit vorgestellten Sinneseindrücken, die das emotionale Erleben des Hörers stimulieren.
  • Durch das emotionale Geschehen während der Reise werden vegetative Funktionen gesteuert, so dass es zu einer positiven Grundstimmung und einer psychovegetativen Umschaltung kommen kann.
  • Phantasiereisen sind keine Hypnosen, denn Hypnosen arbeiten gezielt mit induzierten Trancezuständen, während Phantasiereisen nicht darauf abzielen, einen bestimmten Trancezustand zu erzeugen.
  • Da Trancen jedoch täglich bei jedem von uns auf ganz natürlichem Wege zustandekommen, kann man trotzdem davon ausgehen, dass die Zuhörer während einer Phantasiereise in eine Entspannungs-Trance gehen.
  • Da in Trancezuständen unbewusste Informationen leichter zugänglich sind und mentale Abwehrmechanismen außer Kraft gesetzt sein können, ist es besonders wichtig, in Phantasiereisen mit Hilfe des Assoziations- und des Kongruenzprinzips eine positive emotionale Grundstimmung zu schaffen. Dadurch wird es unwahrscheinlicher, dass belastende Gefühlsinhalte und Erinnerungen ins Bewusstsein treten.
  • Nach der Phantasiereise ist eine gründliche Rücknahme der Entspannung (gegebenenfalls der Trance) nötig, damit alle Teilnehmer wieder hellwach und verkehrstüchtig sind.
  • Bilder und Situationen, die in einer Phantasiereise angeboten werden, müssen zum Erfahrungshintergrund und zur Lebenswelt der Zuhörer passen.

 
 

Was dich in der nächsten Lektion erwartet

 

In der nächsten Lektion erfährst du, wo Phantasiereisen in der Gesundheitsprävention, der Therapie, der Lebensberatung, im Coaching und anderen Bereichen eingesetzt werden und welche Ziele damit erreicht werden können.

 

Hier geht es weiter: Einsatzmöglichkeiten von Phantasiereisen

 

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