Techniken der Steuerung des Hörerlebnisses bei Phantasiereisen

 

Worum geht es in dieser Lektion?

 

In dieser Lektion lernst du einige typische Textelemente von Phantasiereisen kennen, mit denen du das innere Erleben deiner Zuhörer steuern kannst.

 
 

Textelemente in Phantasiereisen

 

Phantasiereisen erzählen meist eine Geschichte, in der der Zuhörer selbst die Hauptfigur ist. Und nicht anders als eine Kurzgeschichte oder ein Roman müssen sie die Aufmerksamkeit der Zuhörer fesseln, damit sie der Handlung über den ganzen Verlauf folgen – ganz besonders dann, wenn sie länger dauern.
 

Geschichten folgen bestimmten Regeln, um dieses Ziel zu erreichen. So kann zum Beispiel ein Spannungsbogen, der die Erwartungen der Zuhörer auf das Kommende anstachelt und neugierig macht, dazu beitragen. Und wenn du ihnen die Möglichkeit gibst, „Lücken“ in deiner Schilderung mit ihren eigenen Bildern zu füllen, bindest du sie stärker in die Reise ein als wenn du nur eine detailreiche Handlung erzählst, der sie passiv folgen.
 

Anders als eine Kurzgeschichte verfolgt die Phantasiereise jedoch nicht nur das Ziel, zu unterhalten. Du willst das Erleben deiner Teilnehmer zu einem klar umrissenen Ziel führen. Dazu kannst du Textelemente einsetzen, die nicht nur die erzählte Handlung möglichst plastisch erleben lassen, sondern auch solche, die diesen Hauptzweck unterstützen, und solche, die das Erleben während der Phantasiereise vertiefen und intensivieren. Typische Textelemente, die in einer Phantasiereise vorkommen, sind:

  • Textelemente, die die Entspannung vertiefen;
  • Textelemente, die zur Körperwahrnehmung auffordern;
  • Textelemente, die zur Selbstreflektion oder -exploration anregen;
  • Textelemente, die den Wachheits- und Aufmerksamkeitsgrad der Zuhörer regulieren;
  • Textelemente, die ein möglichst plastisches Vorstellungsbild im Geist der Zuhörer entstehen lassen;
  • Textelemente, die eine positive Grundstimmung erzeugen und es unwahrscheinlicher machen, dass belastende Erinnerungen geweckt werden;
  • Textelemente, die bei der Fokussierung und Konzentration helfen.

 

All diese Elemente können in den Fluss der Erzählung integriert werden, um das innere Erleben deiner Teilnehmer zu lenken. Gehen wir sie einmal nacheinander durch:
 

Entspannung einleiten und vertiefen

 

Entspannung ist ein Ziel jeder Phantasiereise. Besonders die Einleitung muss entspannende Textelemente enthalten, um deine Zuhörer erst einmal in die psychovegetative Umschaltung zu bringen. Im Hauptteil der Reise können sie zwischendurch immer wieder einmal einfließen, vorzugsweise an solchen Stellen, die ein Genusserlebnis stimulieren sollen, oder nach Passagen, die Spannung aufbauen und mit viel Handlung verbunden sind, wenn du deine Teilnehmer wieder in ein ruhigeres Fahrwasser bringen willst.
 

Typische Formulierungen sind zum Beispiel:

  • „Du wirst ganz ruhig, ganz still…“
  • „Du lässt dich tiefer und tiefer in diese angenehme Entspannung sinken, lässt alles los…“
  • „Gar nichts ist jetzt gerade mehr wichtig, du musst gar nichts tun…“
  • „Du lässt es einfach geschehen…“

 

Passivität und Geschehenlassen erleichtern den Einstieg in die Entspannung, da die Zuhörer so nicht auf die Idee kommen, dass sie sich irgendwie angestrengt konzentrieren müssten, um sich zu entspannen – ein leider weit verbreiteter Trugschluss.
 

Zur Körperwahrnehmung auffordern

 

In der Einleitung deiner Reise soll die Aufforderung, in den Körper hineinzuspüren, die Aufmerksamkeit deiner Zuhörer vom äußeren Geschehen und von Gedanken und Ideen ablenken und nach innen führen. Diese Aufmerksamkeitsverschiebung ist ein entscheidender Teil des Entspannungsprozesses und lässt sich mit Hilfe von Körperwahrnehmungen leicht bewerkstelligen.
 

Typische Formulierungen wären zum Beispiel:

  • „Spüre einmal hinein in deinen Körper… spüre, wie dein Atem ganz leicht und entspannt ein- und ausströmt…“
  • „Spüre einmal in deine Arme und lass sie ganz los… vielleicht spürst du jetzt, wie jede Anspannung aus ihnen hinausfließt, wie sie ganz locker und entspannt werden…“
  • „Ganz von selbst hebt und senkt sich deine Brust im Rhythmus deiner Atemzüge… du lässt es einfach geschehen, musst gar nichts dazu tun…“

 

Du siehst an den Formulierungen, dass die Körperwahrnehmung sehr gut dazu genutzt werden kann, die Entspannung zu vertiefen – im Prinzip genau so, wie es auch bei anderen Entspannungsverfahren funktioniert.
 

Zur Selbstreflektion/-exploration anregen

 

Phantasiereisen sind eine Begegnung mit uns selbst. Sie lassen Erinnerungen und Emotionen erleben, die viel über unsere innere Befindlichkeit, unsere Wünsche, Motivationen und Ziele erkennen lassen.
 

Das eröffnet viele Möglichkeiten, mit den eigenen Gefühlen und Gedanken in einen intensiven Kontakt zu treten, um sich zum Beispiel darüber bewusst zu werden, warum man in einer bestimmten Situation so handelt, wie man handelt, oder wonach man sich sehnt oder was man fürchtet. Wenn das geschehen soll, musst du in deiner Phantasiereise eine Möglichkeit zur Selbsterfahrung schaffen, indem du etwas offen lässt, was deine Teilnehmer dann selbst mit ihren eigenen Bildern füllen können:
 

  • „Vielleicht spürst du jetzt, wie Erinnerungen oder Gefühle in dir aufsteigen… wenn du sie annehmen willst, kannst du dir nun einen Augenblick Zeit lassen, um hineinzuspüren…“
  • „Dabei kommt dir vielleicht ein Ereignis in den Sinn, etwas Schönes, das du kürzlich erlebt hast…“
  • „Höre einmal in dich hinein, was deine innere Stimme dir sagt, wenn du vor dieser Tür stehst… was erwartest du wohl dahinter, was wird geschehen, wenn du sie öffnest?“

 

Selbstexploration birgt freilich auch immer das Risiko, belastende Bewusstseinsinhalte hervorzuholen, weshalb du ein solches Textelement gut vorbereiten solltest, indem du eine positive Grundstimmung erzeugst. Ihr Vorteil liegt darin, dass sie – außer deine Zuhörer in Kontakt mit sich selbst zu bringen – das Geschehen personalisieren und so von einer Reise zu ihrer Reise werden lassen.
 

Wachheits- und Aufmerksamkeitsgrad regulieren

 

Entspannung kann dazu führen, dass die Aufmerksamkeit nachlässt, deine Zuhörer abdriften oder eindösen. Du möchtest aber, dass sie sich auf das Erlebnis konzentrieren, ohne abzuschweifen. Das erreichst du, indem du kleine „Weckreize“ einbaust, die ihre Aufmerksamkeit aktivieren – zum Beispiel indem du Spannung erzeugst, etwas Ungewöhnliches, Unerwartetes geschehen lässt oder deine Zuhörer zu einer kleinen Selbstexploration aufforderst:
 

  • „Auf dem Boden vor dir glitzert etwas im Gras – was mag das sein? Du wirst neugierig – es ist irgendetwas Kleines, vielleicht sogar etwas Wertvolles? Was könntest du an so einem Ort finden? Vielleicht hat jemand es hier extra hingelegt, damit du es findest…“
  • „Dies ist eine Kerze, aber es scheint keine gewöhnliche Kerze zu sein – was macht sie wohl zu etwas Besonderem?“
  • „Du lässt deine Augen über die Landschaft schweifen – erinnert sie dich an einen Ort, den du kennst?“

 

Durch solche Elemente vermeidest du, dass deine Teilnehmer zu tief in die Entspannung abgleiten, und stellst sicher, dass du ihre volle Aufmerksamkeit hast. Du solltest bei den Formulierungen aber unbedingt darauf achten, dass nicht der Eindruck einer Gefahr oder Bedrohung entsteht, denn das würde die Entspannung schnell zunichte machen.
 

Plastische Vorstellungen erzeugen

 

Damit deine Teilnehmer ein intensives Erlebnis bekommen, musst du sie dabei unterstützen, eine möglichst klare Vorstellung zu entwickeln. Da es verschiedene Wahrnehmungstypen gibt, beziehst du am besten mehrere Sinnesqualitäten mit ein:
 

„Betrachte diesen Apfel einmal genau, seine Farbe, seine Form… köstlich duftet er, süß und aromatisch… du wiegst ihn in der Hand… es muss ein Genuss sein, in diesen saftigen Apfel zu beißen – wie er wohl schmecken wird?“
 

In diesem Absatz werden zuerst zur Vorbereitung visuelle, taktile, olfaktorische Vorstellungen abgerufen, um das danach folgende Geschmackserlebnis so plastisch wie möglich zu machen. Wenn du mehrere Sinnesqualitäten kombinierst, stellst du sicher, dass du jeden Wahrnehmungstyp in das Erlebnis „mitnimmst“.
 

Fokussieren und konzentrieren

 

Fokussierung ist im Grunde eine Einengung der bewussten Wahrnehmung auf einen einzigen Gegenstand. Fokussierung wirkt deshalb trancefördernd. Dabei wird die Anzahl der Elemente, die ins Arbeitsgedächtnis (siehe Lektion 2-5) vorgelassen werden, zunehmend verringert, bis möglichst nur noch der gewünschte Gegenstand die Vorstellung ausfüllt.
 

In einer Phantasiereise kannst du das zum Beispiel erreichen, indem du deine Zuhörer auf etwas zugehen lässt, etwa eine Tür. Erst ist sie fern – dann kommt sie näher, nimmt mehr und mehr vom Blickfeld ein – dann füllt sie das Blickfeld komplett aus. So hast du durch eine visuelle Vorstellung alle Inhalte, die nicht „Tür“ sind, aus dem Fokus der Aufmerksamkeit verdrängt, sodass deine Zuhörer sich ganz auf dieses Bild und die damit verbundenen Assoziationen konzentrieren können.
 

Du kannst auch mit Licht und Dunkelheit arbeiten, um das zu erreichen. Entsprechende Formulierungen könnten in etwa lauten:

  • „Schau einmal hin – ganz genau hin – du beugst dich vor, um diesen Stein ganz aus der Nähe zu betrachten…“
  • „Der Raum, den du betrittst, ist dunkel… aber durch ein Dachfenster fällt ein Sonnenstrahl, der einen Tisch erhellt… auf diesem Tisch liegt etwas – was mag das sein? Du gehst näher, immer näher heran…“

Der Zweck ist klar – Fokussierung intensiviert das Erleben und verhindert ein gedankliches Abschweifen.
 

Spannung erzeugen und lösen

 

In einer Phantasiereise erzeugst du Spannung, um die Aufmerksamkeit deiner Zuhörer aufrechtzuerhalten. Grundsätzlich gilt: Jede Spannung, die du aufbaust, muss auch wieder gelöst werden – dieser Wechsel von Spannung und Lösung sorgt gerade bei längeren Phantasiereisen für die nötige Abwechslung und verhindert Monotonie oder Langeweile. Allerdings sollte er sparsam eingesetzt werden, um die Zuhörer nicht durch ein Wechselbad der Gefühle zu jagen.
 

Wirkungsvolle Möglichkeiten, Spannung zu erzeugen, ohne die Entspannung aufzuheben, sind zum Beispiel:

  • Du kündigst an, dass irgendetwas passieren wird, lässt aber offen, was es sein wird. (Wortwahl und Stimme sollten ausdrücken, dass es etwas Erfreuliches sein könnte.)
  • Du stellst eine Frage, die im weiteren Verlauf der Reise beantwortet wird („Wo führt dieser Weg hin?“ – „Was mag es wohl sein, was auf diesem Stein steht?“). Das muss allerdings zeitnah geschehen, sonst ebbt die Spannung einfach nach und nach wieder ab, um im ungünstigen Fall ein unbefriedigtes Gefühl beim Hörer zu hinterlassen.
  • Du kündigst an, dass deine Teilnehmer etwas bekommen, und definierst ein Ziel, das sie vorher erreichen müssen („Du spürst, dass in dieser Truhe etwas ist, das du gut gebrauchen kannst, etwas, das dir weiterhilft… aber wie kannst du sie öffnen?“).

Dir werden noch zahllose weitere Möglichkeiten einfallen, um Spannung zu erzeugen, Neugier zu wecken und Aufmerksamkeit zu binden – meist indem du ein Bedürfnis weckst, das deine Teilnehmer befriedigt sehen wollen.
 

Diese Technik eignet sich hervorragend, um von Abschnitt zu Abschnitt die Aufmerksamkeit wach zu halten. In der Werbesprache nennt man es „anteasern“, wenn in einem Absatz etwas steht, das neugierig auf den nächsten macht. Es sorgt für ein abwechslungsreiches inneres Erleben, wenn du hin und wieder das Kommende anteaserst.
 

Positive Grundstimmung erzeugen

 

Da deine Zuhörer durch innere Bilder geführt werden, die ganz unterschiedliche Assoziationen auslösen können, macht es Sinn, immer wieder kurze Elemente einzustreuen, die Genuss, positive Erwartungen und angenehme Emotionen triggern:

  • “Du bleibst einen Augenblick stehen, um die herrliche Waldluft zu genießen … wie angenehm das ist, wie gut das tut…”
  • “Während sich die Sonne langsam senkt, entsteht auf dem Meer ein wundervolles Farbenspiel … so schön, wie du es schon lange nicht mehr gesehen hast…”
  • “Es tut so gut, einfach nur hier zu sein… gar nichts erledigen zu müssen … einfach nur diesen wunderschönen Moment zu genießen.”

So nutzt du das Assoziations- und Kongruenzprinzip, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass deine Zuhörer ein durch und durch angenehmes Erlebnis bekommen, das sie mit einem guten Gefühl nach Hause gehen lässt.
 
 

Die wichtigsten Informationen aus dieser Lektion:

 

  • Das Erleben des Zuhörers wird in der Phantasiereise mit Hilfe von Textelementen gestaltet, die jeweils einen klaren Zweck erfüllen.
  • Die Abfolge der Textelemente sollte sicherstellen, dass ein kontinuierlicher Erzählfluss ohne Brüche oder plötzliche Sprünge entsteht.
  • Beeinflusst werden können zum Beispiel die emotionale Grundstimmung, der Wachheitsgrad, die Tiefe der Entspannung, die Aufmerksamkeit, die Selbst- und Körperwahrnehmung.
  • Über Elemente der Körperwahrnehmung in der Einleitung kann die Aufmerksamkeitsverschiebung von außen nach innen erleichtert werden.
  • Bei den Formulierungen muss darauf geachtet werden, dass der Text zu keinem Zeitpunkt den Eindruck erweckt, etwas Gefährliches oder emotional Belastendes könnte passieren.
  • Stattdessen wird immer wieder zwischen den Textelementen die positive Grundstimmung hergestellt, um das Erinnern belastender Erfahrungen so unwahrscheinlich wie möglich zu machen.
  • Gerade bei längeren Phantasiereisen sind ein abwechslungsreiches Erleben und das Anteasern des jeweils Kommenden nötig, um die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu erhalten.

 
 

Was dich in der nächsten Lektion erwartet

 

In der nächsten Lektion erfährst du, wie du vorgehen musst, um Trainingseffekte mit Phantasiereisen zu erzielen, und lernst ein paar Beispiele kennen, was mit Phantasiereisen trainiert werden kann.
 

Hier geht es weiter: Trainingseffekte bei Phantasiereisen
 

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